3.3.Kontroverse Kampagnen.



Werbung muss es schaffen, innerhalb kürzester Zeit auf sich aufmerksam zu machen, Informationen zu übermitteln und am besten zu überzeugen.
Werbung löst Emotionen aus. Wird eine Marke, ein bestimmtes Produkt beworben, so muss dies zu einem persönlichen Erlebnis gemacht werden. Denn damit kann der Mensch am meisten assoziieren, mehr als nur mit einem Begriff. Immerhin hat der Produzent nur ca. 2 Sekunden Zeit[1], um mit seiner Anzeige in einer Zeitschrift, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Dabei steht ganz klar die Emotion über der Information. Emotionale Konditionierung wird vorgenommen, wenn man eine Marke mit einem emotionalen Reiz versieht und dieser immer wieder ausgelöst wird, wenn man dem Symbol der Marke, Werbung etc. begegnet. Die Art der Reize kann dabei von Erotik, Exklusivität über ganze Traumwelten reichen.
Wenn nun mehrere Marken gleichzeitig werben, setzen sich nur die, die die stärksten Reize beim Rezipienten hervorrufen durch. Dabei handelt es sich um diejenigen, die am meisten unsere Träume und Wünsche in unserer Fantasie erfüllen.
Um sich hierbei bestmöglich (als Marke) durchzusetzen, ist es von Vorteil, immer wieder die gleichen Reize auszusenden und diese in ihrer emotionalen Form nicht grundsätzlich zu ändern, zu stören.
Schon das Wechseln eines Grundmotives in einer Kampagne kann dazu führen, dass der Konsument zu viele „Erlebnisse“ wahrnimmt, die er nicht ausreichend miteinander verknüpfen kann und so kein solides Markenbild entsteht.
Es ist daher ratsam, das Auftreten der Marke immer gleich zu halten, ob im Internet, im Fernsehen, in Printmedien etc. Das heißt, dass sich weder das Logo noch damit verbundene Reize großartig ändern. Man benötigt eine formale Vereinheitlichung wie im Corporate Design.
In der Werbung zählt nicht unbedingt die Information. In einer Unzahl an Werbeangeboten und Produkten, aus denen man schöpfen kann, nimmt sich kaum jemand Zeit, um genau zu recherchieren, was hinter dem Produkt steckt. Man muss schnell eine Erlebniswelt schaffen.[2]


Doch scheint es so, als würde Benetton komplett konträr gegenüber dem, was die eigentliche Werbepsychologie vorgibt, arbeiten. Bei den Kampagnen wirkt es so, als ob die Information über dem eigentlichen Wunsch des Werbens steht.
Denn was Benetton wirklich in die Kontroverse gebracht hat, ist die Tatsache, dass die Firma es als erste gewagt hat, modische Themen und Themen, die mit Bekleidung wenig, bis gar nichts zu tun haben, zu vermischen. Die Grenzen der Werbung wurden überschritten.



united-colors-of-benetton-secularism-diversity11Werben mit Krieg, Angst und Hass, das ist es, was „Lauterkeitsschützer“ empört. Für sie ist es schier unmöglich, dass ein gewinntreibendes Unternehmen, nicht rein seinen Profit steigern möchte, sondern wirklich auf das Leid der Welt aufmerksam machen will. Mit Lauterkeit in der Werbung für Kleidung ist also wohl gemeint, dass man nur mit dem reinen Produkt, seinen Vorteilen und Besonderheiten werben soll, aber nichts „artfremdes“ damit mischen sollte. Benetton sei also unmoralisch, gierig und süchtig nach Aufmerksamkeit.[3]


Schaut man sich die Bilder zu dem immer wieder erscheinenden Slogan „United Colors of Benetton“ an, so fällt auf, dass das Hauptmerkmal, die „Farben“, sinnbildlich immer wieder auftaucht.

Abb.1 www.spiegel.de



Auf diesem Plakat (s.o.) zum Beispiel. erkennt man drei Kinder. Eines dunkelhäutig/afrikanisch, eines europäisch/kaukasisch und eines asiatisch.
Die „Vereinigten Farben“ zeigten also stellvertretend mit den drei Kindern alle Völker der Welt. Auf der einen Seite spiegelt das den Gleichheitsgedanken und damit auch einen Appell an die Menschrechte wider, auf der anderen Seite findet sich der erste Ansatz einer globalen Welt, die immer weiter zusammenwächst wieder.

Abb.2 www.spiegel.de
Die Farbe Rot. Signalfarbe, Sinnbild für Liebe und Aggressivität. Diese Farbe taucht in einigen Kampagnenbildern auf. So findet man auf einem Bild ein eines Neugeborenen, auf den Händen eines Arztes oder der Hebamme. Das Kind ist noch ganz blutverschmiert, aber zeigt wie ein neues Leben auf die Welt gekommen ist.
blutverschmiertes Hemd Einschussloch zerschnittener Gürtel besudelte CamouflageHose  1994 im Bosnienkrieg erschossenen Kroaten Marinko Grago
Abb3. www.spiegel.de

Als Gegenstück dazu könnte man die Uniform, des verstorbenen Soldaten Marinko Grago nehmen, ein Vanitassymbol[4]. Abgebildet sind ein blutverschmiertes Hemd samt Einschussloch, eine ebenso dreckige und verschmierte Camouflagehose und ein zerschnittener Gürtel. Der Kroate ist während des Bosnienkrieges gefallen.  Die Tatsache, dass es sich nicht um Kleidung handelt, die rein zum Zwecke der Werbung so präpariert wurde, sondern um die wirkliche Kleidung des Verstorbenen, sorgt dafür, dass man auch hier einen emotionalen Zusammenhang zu der Werbung hat. Anders, als es in der Theorie eigentlich gedacht ist, werden hier jedoch keine Reize wie Erotik oder Liebe ausgelöst, sondern bloßes Mitleid. Man kann sich dem Krieg, der einen eigentlich gar nicht direkt betrifft, in dem Augenblick nicht mehr entziehen, in dem das Schicksal von vielen, zum Einzelschicksal wird. Wir erfahren etwas über den Soldaten, der für sein Land gekämpft hat, seine Familie, die unter der Trauer des Verlustes leidet.[5]
Benetton schafft es das Prinzip der Werbung, welches darauf abzielt unsere eigenen Bedürfnisse zu befriedigen, umzukehren und sorgt dafür, dass der Rezipient das Bedürfnis hat anderen zu helfen, also die „Bedürfnisse“ anderer zu erfüllen.


Cornelia von Gierke als „berufene Schützerin des lauteren Wettbewerbs“[6] spricht sich vor dem Bundesverfassungsgericht gegen die Kampagnen aus. Benetton habe es geschafft, den Betrachter stark emotional aufzuwühlen, bevor dieser erkennt, dass es sich überhaupt um Werbung handle. Man sei gezwungen, sich mit der Werbung, dem Plakat auseinanderzusetzen.
Der Bundesgerichtshof hatte 1995 geurteilt: "Durch die Abbildung realen Leids will die Beklagte lediglich erreichen, dass ihr Name im Gespräch der Verbraucher bleibt."[7]
Das Werben mit realem Leid ist im Volksmund also sittenwidrig. Man ist es gewöhnt, künstliche, heile, vollkommen inszenierte Szenarien zu sehen, die in keiner Art der Wirklichkeit entsprechen. Doch ist das genau das Muster[8], das Benetton versucht zu durchbrechen.
Allerdings fällt die Begründung gegen die Kampagne schlichtweg in sich zusammen. Denn die Bilder zwingen den Betrachter nicht, sich mit Benetton auseinanderzusetzen, sondern viel mehr mit den Themen, die abgebildet sind, also Aids, Krieg, die Todesstrafe, die Ölpest. Benetton versucht somit, einen neuen Blick auf diese Themen zu lenken, die breite Masse sensibel zu machen. Alle sollen sich damit auseinandersetzen, etwas dagegen tun. Natürlich bleibt die Marke damit im Gespräch, doch gleichzeitig bekommt man das Gefühl, dass jemand die Welt verbessern möchte.[9]

Intelligent. Mit diesem Wort könnte man die Kampagnen beschreiben, die die Farben von Benetton zum Leuchten gebracht haben, wie einen Regenbogen.
Faszinierend. Das ist die Tatsache, welchen Effekt die übermenschlich großen Plakatwände wirklich haben. Niemand ist in der Lage sich den Bildern zu entziehen, ob man sie nun liebt oder hasst. Der Liebende wird aufmerksam gemacht, auf die unmenschlichen Verhältnisse, Notstände, die abgebildet werden. Bilder die man womöglich gar nicht anzuschauen vermag, einen aber gerade deswegen in ihren Bann ziehen. Sie erlauben es, uns mitten im Geschehen unseres Alltages, über die Probleme der Welt, Krieg nachzudenken. Gedanken, denen man nur oft versucht zu entfliehen.
Der Hassende hingegen, fühlt sich gefangen, in dem Gedanken, sich klar und deutlich gegen diese Art der Werbung auszusprechen. Moral ist das Stichwort. Auf den einen mögen die Bilder verstörend wirken, jedoch kann man sich der Tatsache nicht entziehen, dass es ihr eigentliches Ziel ist, die Welt zu verbessern. Eine Zwickmühle, für jeden, der die Sittenwidrigikeit wahren will, ohne sich als ein unter den Tisch Kehrer zu outen.
Es scheint so als handele es sich bei Benetton nicht nur um Werbung. Das Unternehmen übt beinahe einen belehrenden Effekt aus, fast wie ein Nachrichtenmagazin.[10]


[1] Schmitt und Wißmeier 1991, S. 844
[2] Schmitt und Wißmeier 1991, S. 846-848
[3] www.korfftext.de

[4] Vanitas ist ein Symbol der „Vergänglichkeit alles Irdischen als Thema der abendländischen Dichtung und der bildenden Kunst“. www.duden.de
[6] www.korfftext.de
[7] www.korfftext.de
[8] „Muster sind gleichbleibende Merkmale oder Strukturen, die sich wiederholen. Muster können Handlungen, Denk- und Verhaltensweisen oder Gefühle Strukturieren.“
Kolhoff-Kahl, 2009 S. 15

[9] Jens Jürgen Korff (2000)
[10] Jens Jürgen Korff (2000)

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